Wir sind nicht frei, mitzuleiden

Eine Antwort an Wolfgang Ratzel zu Nietzsches Genealogie der Moral und Judith Butlers Ethik der Verletzlichkeit.

17. Juli 2017. — Lieber Wolfgang,

in deiner am 15. Juni versendeten Darstellung von Butlers Theorie der Versammlung schreibst du:

… Die metaphysische Frage nach dem Grund einer globalen Ethik beantwortet Butler mit der alle Menschen verbindenden Verletzlichkeit der Körper und mit der Notwendigkeit eines gemeinsamen Zusammenlebens auf der Erde (‚Wir können nicht entscheiden, mit wem wir leben wollen und mit wem nicht‘). Aus dem Grund der gleichen Verletzlichkeit leitet Butler dann ein Sollen ab: Ein Leben wird dann ethisch-gut gelebt, wenn es das Leben der Unbetrauerbaren sichtbar macht und fordert, dass deren Lebensumstände auf das Niveau eines guten Lebens angehoben wird.“

Darauf folgt dann deine Kritik an diesem Butler’schen Grund der Ethik:

Eine globale Ethik, die ein globales Sollen einfordert, kann sich nicht auf Gegebenheiten wie z.B. Verletzlichkeit aller Körper gründen. Sie muss sich hingegen auf ein potenzielles Vermögen des Menschen gründen, z.B. auf das Vermögen, tugendhaft, d.h. gerecht zu leben (Ethik der Gerechtigkeit). Oder auf das Vermögen, den Nächsten zu lieben wie sich selbst (Ethik der Nächstenliebe). Oder, was ich bevorzuge, auf das Vermögen, mit allen Lebewesen mitzuleiden (Ethik des Mitleids). Und zwar deshalb, weil die Aufforderung zu einem Sollen im Denken und Handeln nur dann sinnvoll ist, wenn dieses Sollen unterlassen werden kann. Wenn also die globale Ethik begründet wird durch das Mitleiden-Können mit ALLEN Lebewesen, steht der Mensch in der Freiheit, das Mitleiden zu unterlassen. In Butlers Entwurfs hat der Mensch nicht die Freiheit, nicht verletztlich zu sein. Er IST verletzlich und wird sterben.“

Du meinst also, der Grund einer globalen Ethik muss ein Vermögen, eine Fähigkeit sein, nicht eine Gegebenheit; und zwar weil man nur an ein Vermögen appellieren kann, an eine Gegebenheit nicht; weil nur ein Vermögen ausgeübt werden oder aber seine Ausübung – aus Freiheit, wie du sagst – unterlassen werden kann. Falls ich dich so richtig verstehe, möchte ich folgendes einwenden:

Niemand ist frei, mitzuleiden oder nicht. Dass Mitleiden ein Vermögen, ein Können ist, heißt nicht, dass man frei ist, mitzuleiden oder auch nicht. Jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem jemand frei ist, einer Regel zu folgen oder auch nicht.

Wenn z.B. eine Grundschule in Kreuzberg die Regel ausgibt: die Kinder sollen nach Möglichkeit nicht mit dem Auto in die Schule gefahren werden – sind die Eltern durchaus frei, ihr Kind trotzdem mit dem SUV zur Schule zu fahren – also das Sollen zu missachten. Die Schulleiterin könnte den Vater oder die Mutter durch das SUV-Fenster fragen: „Haben Sie denn kein Mitleid mit Ihrem Kind, das Sie so zur Unselbständigkeit und Unsportlichkeit erziehen, auch kein Mitleid mit den anderen Kindern, die Ihren Feinstaub einatmen müssen?“ Im wenig wahrscheinlichen Fall bekommt sie zur Antwort: „So habe ich das noch nie gesehen, aber jetzt, wo Sie mir es sagen, tut es mir leid“ – und wird von diesem Tag an anders handeln – warum? Vielleicht teils aus Obrigkeitshörigkeit, teils aus schlechtem Gewissen, vielleicht aber auch zum Teil, weil es dem Vater wirklich leid tut um sein Kind, oder auch um die anderen zu Fuß gehenden Kinder. Falls dieser (moralisierende?) Appel der Schulleiterin solch unwahrscheinlichen Erfolg haben sollte, dann nicht deshalb, weil sich der SUV-Fahrer frei entschieden hätte, mitzuleiden, sondern weil das Mitleid, das schon in ihm war, ihn plötzlich überkam, als die Schulleiterin den Schleier der Ignoranz von seinen Augen wegzog, so dass das Mitgefühl, das in ihm schon angelegt war, erwachen musste. Der wahrscheinlichere Ausgang des Gesprächs am SUV-Fenster ist allerdings der (nur gedachte) Satz: „Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram! Ich kann hier rumfahren, so viel ich will!“ oder „Ich muss mein Kind vor Perversen und schlechten Autofahrern schützen: das ist mein Mitleid!“

In diesem wie in anderen Fällen gilt: wo kein Mitleid da ist, kann es auch nicht erwachen. Eben deshalb wurde Schopenhauers Ethik kritisiert: ‚Auf das Mitleid können wir nicht rechnen, es ist unzuverlässig und irrational‘; oder auch: ‚es ist immer zu wenig‘, ‚es selektiert seine Objekte nach Sympathie, nach Verwandtschaft oder nach subjektivem Wissensstand‘ usw. Doch dem hätte Schopenhauer gar nicht widersprochen. Sein Einwand gegen die meisten Ethiken und Morallehren war: ‚Wenn ihr unbedingt einen Grund der Moral und Ethik braucht und sucht, dann werdet ihr nur einen einzigen Grund finden, der wenigstens zeitweise standhält: das Mitleid. Was kann ich, Schopenhauer, dafür, dass es so selten ist, und dass wir nicht frei sind, mitzuleiden oder es zu unterlassen. Eben deswegen können nur gute Gesetze, also eine gute Polis uns über den Mangel an Mitleid hinweghelfen.‘ – So würde ich Schopenhauers „Mitleidsethik“ (eine irreführende Schublade) zusammenfassen.

Mitleid ist nicht an sich „moralisierend“, es kann aber in „moralisierender“ Weise auf es zurückgegriffen werden: ‚Hab Mitleid (mit allen Lebewesen), denn du kannst es ja, du bist ja frei, es zu haben, aber du willst es offenbar nicht!‘

Bei allen sonstigen Unterschieden hat Nietzsche Schopenhauers Kritik an einer solchen Vorstellung von Mitleid weitergeführt: Es gibt keine Freiheit, mitzuleiden oder es zu unterlassen; es gibt diese ganze Gattung von Freiheit nicht, denn sie beruhe auf dem Glauben an ein Subjekt; auf der Vorstellung, dass dieses Subjekt von seinen Taten unterschieden werden könnte: ‚Wo ein Tun, da ein Täter‘ – so lege es unsere Grammatik und unsere Erfahrung nahe. Diese Denkgewohnheit hätten sich die Anführer des „Sklavenaufstandes in der Moral“ zunutze gemacht:

Was Wunder, wenn die zurückgetretenen, versteckt glimmenden Affekte Rache und Hass diesen Glauben [an die Existenz von Subjekten] für sich ausnützen und im Grunde sogar keinen Glauben inbrünstiger aufrecht erhalten als den, es stehe dem Starken frei, schwach, und dem Raubvogel, Lamm zu sein: – damit gewinnen sie ja bei sich das Recht, dem Raubvogel es zuzurechnen, Raubvogel zu sein“ (Genealogie der Moral, Erste Abhandlung, Nr. 13)

Wenn das Mitleid nicht in der Weise, die du ihm zugewiesen hast, Grund der Ethik sein kann – weil wir nicht frei sind, Mitleid zu zeigen oder es zu unterlassen – dann war dein Verwerfen von Butlers Begründungsversuch – oder solchen, die ihrem ähneln – vielleicht zu vorschnell. Die allen Lebewesen gemeinsame Verletzlichkeit scheint sehr wohl zum Grund einer universellen Ethik zu gehören. 1889, drei Jahre nach Verfassen der Genealogie der Moral verfiel Nietzsche in Umnachtung und wurde bis zum Tod, zehn Jahre lang, von seiner Mutter und Schwester gepflegt. Aber nicht nur in diesem körperlichen Sinn zeigt sich die Verletzlichkeit, sondern auch in der Weise, wie später die einen von Nietzsches Denken Gebrauch machten, und andere es als abstoßend von sich wiesen.

Jan

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