Zu Christian Mantey: Digitale Freiheit, vorgetragen am 23.02.2017

Was haben Steve Jobs und Bill Gates gemeinsam? Beide haben dazu beigetragen, die Welt etwas unfreier zu machen. Das muss man erst einmal sacken lassen. Christian Manteys Vortrag im Autonomen Seminar war so  kontrovers wie inspirierend. Es ging um Linux, um CryptoParties und die Macht der Algorithmen. Vor allem ging es aber um die Vision von Freiheit und Gemeinschaft im Netz. So wie es sich in der Reihe „Konkrete Utopien“ eben gehört.

Die Hauptargumente waren einleuchtend: große Unternehmen wie Google, Facebook und Microsoft sammeln unentwegt Nutzerdaten, binden Kunden durch kostenpflichtige Folgeversionen an sich und manipulieren unsere Weltsicht durch selektive Informationen bzw. zielgerichtete Werbung. Am problematischsten jedoch: sie entwerfen ihre Software so, dass man die darunterliegenden Algorithmen nicht einsehen kann. Ob das Android-Betriebssystem auf dem Handy, das G-Mail-Konto oder das MS-Office in der Cloud – wir liefern unsere privaten Daten täglich an gigantische Server und machen uns dadurch nicht nur verwundbar, sondern verleihen einigen wenigen Firmen ungeheure Macht. Diese Macht kann in Zukunft über Wahlausgänge, wirtschaftliche Entwicklungen und soziale Trends entscheiden. Die Lösung: Wechsel zu freien und quelloffnen Software-Lösungen, die kleiner, unabhängiger und transparenter sind. Also statt Google-Suche z.B. die Suchmaschine YaCy verwenden, statt Twitter GNU social, statt Whatsapp Conversations, Tox usw.

Auch wenn die Kritik an unserem Konsumverhalten gerechtfertigt ist, wurden im Seminar auch Zweifel an der scheinbar polarisierenden Weltsicht laut. Wie kann man als IT-Laie sicher sein, dass die freie und quelloffene Software sicherer und fairer sind? Basieren nicht alle Konsumentscheidungen, die wir in unserer hochindustrialisierten und digitalisierten Gesellschaft treffen, auf Vertrauen gegenüber dem jeweiligen Leistungsanbieter? Und kann man sich als Vollbeschäftigte/r bei der Fülle an Informationen und ständigem Zeitmangel überhaupt mit den Details des eigenen Konsumverhaltens auseinandersetzen? Ist das Ganze vielleicht doch ein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen?

Meiner Meinung nach ist der Zeitmangel kein Argument. Denn zumindest wer Zeit zum Philosophieren findet, sollte auch Zeit für einen Suchmaschinenwechsel haben. Auch das Vertrauensargument hat meines Erachtens nach keine Validität, denn es ist ein großer Unterschied, ob ich einen Geldautomaten benutze, dessen Funktionsweise theoretisch von einem Experten überprüft werden kann oder einen, der für eine externe Prüfung von Vornherein unzugänglich ist. Im Moment des Geldabhebens ist mir dieser Unterschied natürlich egal, aber geht es hier nicht um die philosophische Frage nach Freiheit und um die Möglichkeit zur Kritik und um Raum für alternative Meinungen/Handlungen? Um nicht zu sehr in den Argumentationsstrang der Vernunftsphilosophen zu geraten, hier eine prägnante Formulierung von Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Wenn man ihr zustimmt, fragt man sich, ob ein Mensch in einer zunehmend komplexen und homogenisierten Welt überhaupt frei sein kann.

Der Gedanke, der mich nach dem Vortrag jedoch am meisten umtreibt, ist folgender: sollte der Mensch in einer wahrlich freien Gesellschaft die Wahl haben dürfen, das größere Übel zu wählen, Fleisch zu konsumieren, die Umwelt zu verschmutzen, seine Daten zur Manipulation freizugeben, also andere Prioritäten zu haben als der nach Gerechtigkeit strebende „Weltverbesserer“? Oder brauchen wir doch (äußere bzw. innere) Verbote, um uns selbst und v.a. andere Menschen vor unserer Freiheit zu schützen? Ich frage mich, was der in Christians Vortrag oft zitierte Verfechter der Freien Software Bewegung Richard Stallman dazu sagen würde. Denn die Frage nach der Spannung zwischen Freiheit und Gerechtigkeit blieb auch in seinem Kampf gegen die Windmühlen von Apple und Co. offen.

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Ein Kommentar zu Zu Christian Mantey: Digitale Freiheit, vorgetragen am 23.02.2017

  1. Christian sagt:

    Hallo Tatjana,

    vielen Dank für deine Nachgedanken zu dem kleinen Vortag zur Digitale Freiheit.
    Rosa Luxemburg, die Freiheit des Andersdenkenden und deinen Gedanken, ob wir uns denn überhaupt noch jede erdenkliche Freiheit erlauben können, finde ich sehr interessant und er beschreibt vermutlich prägnant das aktuelle „Spannungsfeld“ von Freiheit und eventuell notwendigen Grenzen.

    Jan drückte uns an dem besagten Abend einen entsprechenden Artikel zu, den ich mir sehr gern zu Gemüte geführt habe.

    VIELEN DANK FÜR EURE EINLADUNG und die anregende Diskussion.

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