„Rasse“ bei Marx

Nachwort zur gestrigen Veranstaltung „Nietzsche und das Judentum“. – Schon ziemlich am Anfang unserer Diskussion, nach der Lektüre von Menschliches Allzumenschliches 475 aus Menschliches, Allzumenschliches, wurde gefragt, wie Nietzsches Gebrauch des Begriffs ‚Rasse‘ in seiner Formulierung „europäische Mischrasse“ zu beurteilen sei. Ich erklärte, dass zu diesem Zeitpunkt (1878) das Denken in menschlichen Rasseunterschieden in der Wissenschaft wie auch über die politischen Lagergrenzen hinweg der Regelfall war; daher, sagte ich, sei das Bemerkenswerte an Aph. 475 nicht der Gebrauch des Begriffs ‚Rasse‘, sondern dass Nietzsche die ‚Rassenvermischung‘ zu einer „europäischen Mischrasse“ unter Einbezug der Juden als etwas Wünschenswertes anempfahl. – dies war eine damals – um Nietzsches eigenen Begriff zu gebrauchen: ‚unzeitgemäße Betrachtung‘. – Ferner sagte ich, dass es 1878 überhaupt nur eine uns heute noch bekannte Persönlichkeit gab, die explizite theoretische Einwände gegen die Rede von unterschiedlichen menschlichen Rassen erhoben hatte. Auf meine Rätselfrage, wer dieser singuläre Denker war, äußerte Wolfgang die Vermutung, das sei Marx gewesen. Ich antwortete, dass ich einen anderen im Sinn hatte, nämlich Darwin, in seinem späten, weniger bekannten Buch Die Abstammung des Menschen (1871). 

Ich war mir aber gestern nicht sicher, ob nicht Marx als zweiter solcher Visionär zu nennen gewesen wäre, vielleicht sogar von Darwin selbst angeregt (denn Marx korrespondierte kurzzeitig mit Darwin, dessen Werk er schätzte und den er als Bundesgenossen gewinnen wollte – allerdings ohne Erfolg). Also habe ich recherchiert und bin dabei auf eine Antwort gestoßen. Wer keine Zeit für den ganzen langen Text hat –  kann auch  mit den folgenden zwei Auszügen vorlieb nehmen:

Volksgeist und Völkerabfälle

von Klaus Thörner, in Jungle World Nr. 13, 26. März 2009, DOSSIER.

Karl Marx und Friedrich Engels, die im Februar 1848 das »Manifest der Kommunistischen Partei« veröffentlicht hatten, waren in vielerlei Hinsicht Kritiker der Frankfurter Paulskirchenversammlung. In ihren Aufsätzen zur »orientalischen Frage«, das heißt zur Zukunft Südosteuropas, finden sich jedoch auf den ersten Blick erstaunliche Übereinstimmungen mit den Argumentationen der bürgerlichen Politiker. So teilten Marx und Engels deren Auffassung von einer kulturellen und historischen Überlegenheit der Deutschen gegenüber »Slawen«.

Ihre Sichtweise war dabei stark von den Schriften Georg Wilhelm Friedrich Hegels über die Philosophie der Weltgeschichte beeinflusst. Für Hegel stellte sich die Weltgeschichte als die »Dialektik besonderer Volksgeister« dar, deren jeder »nur ein Geschäft der Tat« (das heißt der »Realisierung der Vernunft«) zu vollbringen habe, um sodann für einen anderen »weltgeschicht­lichen Volksgeist« den Platz zu räumen. Hegel sprach jedoch nicht allen »Völkern« diese Aufgabe zu, sondern nur jenen, die er aufgrund ihrer natürlichen und geistigen Anlagen in der Lage sah, ein kräftiges Staatswesen zu schaffen. Nur solche »Völker« waren für ihn Träger des geschichtlichen Fortschritts. »Völker« hingegen, die keinen eigenständigen Staat geschaffen oder die ihren Staat für längere Zeit verloren hatten, nannte er »geschichtslos«. Sie hatten für ihn ausschließlich die Bestimmung, von anderen »Völkern« »unterjocht« und schließlich aufgesogen zu werden. Die Fähigkeit zur Staatenbildung sprach er ihnen ab. Zu diesen »geschichtslosen Völkern« rechnete Hegel die gesamte Bevölkerung Südosteuropas, die zu seiner Zeit unter der Herrschaft des Osmanischen beziehungsweise des Habsburger Reiches stand. Bulgaren, Serben und Albaner bezeichnete er ausdrücklich als »gebrochene barbarische Reste«, »Mittelwesen zwischen europäischem und asiatischem Geiste«. Er charakterisierte die »slawischen Nationen« als Gesellschaften von Ackerbauern. […]“

Soweit die Einleitung des Essays. Die für unseren Zusammenhang bedeutsamste Passage ist die folgende. Sie setzt an bei Engels Antwort auf die Niederschlagung der ungarischen Revolution 1848 durch die Habsburgermonarchie mit Unterstützung slowenischer, kroatischer und serbischer, also „südslawischer“ Milizionäre:

[…] »Im Interesse der Revolution« proklamierte Engels »einen Vernichtungskrieg« gegen »die sla­wischen Barbaren«. Den Verlauf der geschichtlichen Entwicklung erwartete er wie folgt: »Bei dem ersten siegreichen Aufstand des französischen Proletariats … werden die österreichischen Deutschen und Magyaren frei werden und an den slawischen Barbaren blutige Rache nehmen. Der allgemeine Krieg, der dann ausbricht, wird diesen slawischen Sonderbund zersprengen und alle diese kleinen stierköpfigen Nationen bis auf ihren Namen vernichten. Der nächste Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen. Und das ist auch ein Fortschritt.« (MEW 6: 176)

Der »Russenhass« sei »die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen«. Nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution habe sich dieser Hass auf die gesamte »slawische« Bevölkerung Österreich-Ungarns ausgeweitet. Nur »durch den entschiedenen Terrorismus gegen diese slawischen Völker« lasse sich die Revolution sicherstellen. »Wir wissen jetzt, wo die Feinde der Revolution konzentriert sind: in Russland und den österreichischen Slawenländern; und keine Phrasen, keine Anweisungen auf eine unbestimmte demokratische Zukunft dieser Länder werden uns abhalten, unsere Feinde als Feinde zu behandeln … Kampf, unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod, mit dem revolutionsverräterischen Slawentum; Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus.« (Ebd.: 286)

Diese Zeilen schrieb Engels in der ersten Jahreshälfte 1849, der Phase der Niederschlagung des ungarischen Unabhängigkeitskampfs, des letzten Revolutionsherds in Europa, den die österreichische Regierung unter Heranziehung kroatischer und tschechischer Truppen bekämpfte. Der endgültige Sieg gelang im August 1849 unter Beteiligung russischer Hilfstruppen. Diese Entwicklung bildete den Hintergrund für die Vehemenz des Slawenhasses von Marx und Engels, kann jedoch für die Vernichtungsphantasien des letztgenannten keine hinreichende Erklärung sein.

Diffamierende und stereotype Darstellungen der südosteuropäischen Bevölkerung Österreich-Ungarns finden sich auch in der von Marx ab Sommer 1848 herausgegebenen Neuen Rheinischen Zeitung. Die seitens der Habsburger Monarchie gegen die Aufstände des österreichischen und ungarischen Bürgertums eingesetzten südosteuropäischen Soldaten wurden dort etwa am 27. Februar 1849 als »Kopfabschneider, Bauchaufschlitzer und Kinderspießer« dargestellt. Sie würden sogar Menschen braten und seien »so geldgierig wie die Juden«. Der Artikel fuhr fort: »Ein ähnliches Schauspiel zu sehen, reist man vergebens in die Urwälder zu den Barbaren und Menschenfressern; es gibt dort höchstens nur Wilde, aber keine Satane«. Die jugoslawischen Soldaten von der Militärgrenze Österreich-Ungarns zum Osmanischen Reich seien »Scheusale, wider welche alle Völker sich wie zum Kampf mit dem Drachen des Urdespotismus erheben sollten« (Neue Rheinische Zeitung Nr. 232, 27. 2. 1849). Die jugoslawische Bewegung innerhalb des Habsburger Reiches wurde in Umkehrung der Tatsachen des »Deutschenhasses« bezichtigt, während sie für eine Gleichberechtigung der Bevölkerungsgruppen Österreich-Ungarns eintrat. In ähnlich diffamierender Weise nannte Engels 1850 die an der Grenze zum Osmanischen Reich lebenden Jugoslawen die »barbarischsten Stämme« Österreich-Ungarns (MEW 7: 215). An anderer Stelle lehnte er eine Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens von einem künftigen Deutschen Reich und von Österreich-Ungarn kategorisch ab. Eine Abschließung Deutschlands und Ungarns von der Adriaküste durch die Loslösung Kroatiens und Sloweniens könne nicht zugelassen werden. Aus »geographischen und kommerziellen Notwendigkeiten« sei ein Adria-Zugang für einen deutschen Staat und für Ungarn eine Lebensfrage. Er bemerkte anschließend: »Und wo es sich um die Existenz, um die freie Entfaltung aller Ressourcen großer Nationen handelt, da wird doch eine solche Sentimentalität wie die Rücksicht auf ein paar versprengte … Slawen nicht entscheiden!« (MEW 6: 276) […] Engels ging somit von einem Recht eines deutschen Staates auf wirtschaftliche Entfaltung aus, für dessen Sicherstellung eine Autonomie der südosteuropäischen Bevölkerung des Habsburger Reiches nicht toleriert werden dürfe.

Während die Abqualifizierung der jugoslawischen Bevölkerung bei Marx und Engels einhellig war, betrachteten sie in einer zweiten Phase ihrer Beschäftigung mit Südosteuropa, während des Krimkrieges 1853–1856, zumindest Teile der südosteuropäischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches differenzierter. Dahinter stand die Überzeugung, dass die Bourgeoisie der christlichen Gebiete Südosteuropas auf einer höheren Stufe der Kultur bzw. Zivilisation stünde als Türken bzw. Moslems. (MEW 9: 27, 33 f.) Da Marx und Engels jedoch über den Mangel einer bürgerlichen Schicht in Südosteuropa klagten und die fehlende Entwicklung und Staatenbildung in Südosteuropa darauf zurückführten, maßen sie partiellen Differenzierungen zwischen Christen und Moslems, Bürgern und Ackerbauern keinen großen Stellenwert zu. Wie bereits während ihrer Stellungnahmen zur bürgerlichen Revolution im Habsburger Reich stand auch bei ihren Artikeln zur Situation der europäischen Gebiete des Osmanischen Reiches die Klage über die fehlende Zivilisation in Südosteuropa im Mittelpunkt. So bezeichnete Engels 1853 in einem von Marx gezeichneten, jedoch von ihm geschriebenen Artikel zur »orientalischen Frage« die fehlende Zivilisation und die »Durchmischung der Rassen« als die größten Probleme, mit denen die Großmächte in den europäischen Teilen des Osmanischen Reiches konfrontiert seien. Nachdem er erklärt hatte, dass eine Auflösung des Osmanischen Reiches nicht zu verhindern sei, bemerkte Engels: »Der wirklich strittige Punkt ist immer die europäische Türkei, die große Halbinsel südlich der Save und der Donau. Dieses herrliche Gebiet ist so unglücklich, von einem Konglomerat der verschiedensten Rassen und Nationalitäten bewohnt zu werden, von denen man schwer sagen kann, welche von ihnen die für die Zivilisation und Fortschritt am wenigsten befähigte ist.« (MEW 9: 6 f.)

Letztlich gingen Marx und Engels davon aus, dass Zivilisation und Fortschritt nur durch west­europäischen Handel und westeuropäische Kultur nach Südosteuropa eingeführt werden könnten. Dazu sei, so Engels, die Fertigstellung einer Eisenbahnlinie von Hamburg über Budapest und Belgrad nach Konstantinopel notwendig (ebd.: 33 ff.), womit er sich in Übereinstimmung mit dem »Vater der deutschen Nationalökonomie«, Friedrich List, befand.

Auch während des Krimkrieges hielten Marx und Engels daran fest, alle Entwicklungen in Südosteuropa aus dem Blickwinkel eines drohenden Vordringens des russischen Zarismus nach Europa zu betrachten. Marx betonte, der »russische Bär« sei zu allem fähig, solange die europäischen Großmächte ihn gewähren ließen. (Ebd.: 168 f.) Mit dieser Bemerkung klagte er über die seiner Meinung nach zu geringen militärischen Anstrengungen der westeuropäischen Großmächte, den russischen Einfluss in Südosteuropa zurückzuschlagen.

Engels erklärte Russland 1853 pauschal zur »Eroberernation« und vertrat die Auffassung, seit 1789 gäbe es nur noch zwei Mächte auf dem europäischen Kontinent: Russland mit seinem Absolutismus auf der einen Seite und die Revolution mit der Demokratie auf der anderen.

Ihre antirussische Haltung legten sie auch nach der russischen Niederlage im Krimkrieg nicht ab. In einem Brief, den Marx am 24. Juni 1865 an Engels sandte, heißt es: »Sie [die Russen] sind keine Slawen; gehören überhaupt nicht zur indogermanischen Race, sind des intrus [Eindringlinge], die wieder über den Dnjepr gejagt werden müssen, etc.« (MEW 31: 127) – Marx und Engels waren nicht nur von der Hegelschen Geschichtsmetaphysik, sondern auch von den sozialdarwinistischen und rassistischen Theorien ihrer Zeit beeinflusst. […]“

Zur Verdeutlichung dieser letzteren These verweise ich abschließend auf eine Sequenz aus der Rede des Reichsmarschalls Göring vom 4. Oktober 1942 im Berliner Sportpalast:

Vergesst nicht, dass es die besten Gebiete sind, die wir den Russen fortgenommen haben. Im Sumpf ist es uninteressant, können sie selber stecken bleiben [Gelächter aus dem Publikum]. Wir wollten uns nicht in der Richtung ausdehnen, um selber da also so Kriechtiere zu werden, sondern wir haben uns da schon richtig vorgesehen und das genommen, was zweckmäßig ist. Wir mussten heraus aus der Enge und danken wir dem Allmächtigen, dem Führer und unseren tapferen Soldaten, dass sie die Enge gesprengt haben und die Weite des Raumes für das deutsche Volk geöffnet ist.“

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