Was bleibt – Wo die freien Frauen wohnen

Was bleibt Film und Diskussion: „Wo die freien Frauen wohnen“

Der Dokumentarfilm von Uschi Madeisky, Daniela Parr und Dagmar Margotsdotter-Fricke wurde von Christine Hinrichsen eingeführt und vorgestellt.

Der Film dokumentiert die Lebensweise der in Südchina lebenden Mosuo. Sie leben 2690m über dem Meeresspiegel am Lugu-See. Ihr kulturelles und spirituelles Zentrum sind der Lugu-See, Mutter See, und der in der Nähe liegende Berg Gammu, Mutter Berg. See und Land geben den Mosuo, was sie zum Leben brauchen. Dieses von der Landwirtschaft getragene Leben leiten die Frauen der Mosuo. Sie organisieren den Alltag auf allen Ebenen.

Spirituell sind die Mosuo in der mündlich tradierten Daba-Religion verankert. Hinzu kam später der Hindusimus. Beide Religionen kooperieren und werden ohne Konflikte parallel gelebt. Daba ist eine schamanistische Religion mit vor allem lebensbegleitenden Aufgaben, aber die Mosuo geben über sie auch ihre Kultur und ihre Geschichte weiter.

Beeindruckend ist vor allem die Tatsache, dass es bei den Mosuo keine Gewalt, keinen Neid, keine Gier, keinen Geiz, keine Völlerei gibt. Diese nicht umsonst als „Todsünden“ bezeichneten Versuchungen des Menschen existieren dort einfach nicht. Wie ist das möglich?

Der Film zeigt, dass die Stärke der Mosuo in ihrem fürsorglichen Umgang miteinander liegt. Im Zentrum ihres Interesses steht nicht das eigene Ego, sondern immer der Andere. Mosuo erwarten auf eine Gabe nie eine Gegengabe, weil sie von klein auf die Erfahrung gemacht haben, dass zu ihnen kommt, was sie brauchen (Gebt, so wird euch gegeben. Luk. 6:38) Auch der Umgang mit Müttern und Neugeborenen gibt eine mögliche Antwort auf die Frage, warum den Mosuo Aggression unbekannt ist. Mütter werden nach der Entbindung 40 Tage lang rundum versorgt und verlassen den heimischen Herd nicht. Sie kümmern sich mit Hingabe um das Neugeborene, erhalten alle nur denkbare Fürsorge und Unterstützung durch ihren Klan und „jeder Wunsch wird ihnen von den Augen abgelesen“. Beide, Mutter und Kind, sind vollkommen geborgen. In dieser Zeit wird das Neugeborene durchweg von allen Mitgliedern des Klans gehalten und getragen. Diese Fürsorge durch den Klan bestimmt das Leben der Mosuo, und diese Erfahrung uneingeschränkter Geborgenheit ist die Basis ihres ausgeglichenen seelischen Befindens.

Offensichtlich ist es den Mosuo bisher gelungen, allen Anfechtungen durch Industrialisierung und Globalisierung zu widerstehen. Einerseits hatte offensichtlich die Zentralregierung in China erkannt, dass es hier ein schützenswertes Potential gab, anderseits ließ sich die Lebensweise der Mosuo nicht in die durchstrukturierten Abläufe eines industrialisierten Landes hineinpressen. Letzteres führte allerdings dazu, dass die Mosuo gezwungen wurden, Kompromisse einzugehen und sich dem Tourismus zu öffnen, mit allen auch unschönen Folgen für die Mosuo. Dennoch verteidigen die Mosuo ihre Lebensart bisher weiter erfolgreich.

In der kurzen und angeregten Debatte nach dem Film, schälten sich mehrere Fragen heraus.

Wieso ist es uns Menschen in den Industriestaaten bisher nicht gelungen, von Stämmen wie dem der Mosuo zu lernen, wie ein Leben ohne Zerstörung unserer Lebensgrundlage möglich ist? Wieso überhaupt konnte sich das patriarchale System etablieren, und wieso ist es so zerstörerisch, denn auch Männer können mütterlich sein. Beispielsweise steigt das Ansehen eine Mannes bei den Mosuo, wenn er fürsorglich ist. Und die Männer dort sind es, sie beteiligen sich aktiv an familiären Aufgaben. Eine Antwort wäre, dass sich soziale Einbindungen und Verpflichtungen nicht mit den Anforderungen der permanenten Verfügbarkeit und Verwertbarkeit des Kapitalismus vertragen. Soziale Aufgaben (auch die Lebensform von Gabe und Gegengabe), die nicht in Zahlen mess- und abrechenbar sind, stehen der Profitmaximierung auf den ersten Blick im Wege.

Wäre den Unternehmen und der Politik allerdings an Kostenwahrheit gelegen, würden diese sozialen Faktoren längst mit berücksichtigt, denn die Zunahme von Burnout und psychischen Erkrankungen in den westlichen Gesellschaften dürfte ja ein eindeutiger Hinweis sein, dass die Art, wie wir leben, nicht nur die Umwelt, sondern auch die Menschen zerstört, dass der zweifellos hohe Lebensstandard Gestehungskosten hat.

Ist die Armut der Mosuo (eine Folge der vermodernen, auf Landwirtschaft basierenden Lebensweise) für uns, die wir in ein anderes Leben hineingeboren wurden, überhaupt attraktiv oder lebbar? Gehören fürsorgende gesellschaftliche Standards und Armut überhaupt untrennbar zusammen? Hier kam der Einwand, dass es notwendig sei, Armut zu definieren. Nach unseren materiellen Gewohnheiten, sind die Mosuo arm, aber sie verfügen über einen immensen sozialen Reichtum. In unseren westlichen Industrienationen sind wir diesbezüglich unwissend und arm.

Eine weitere Frage war, was geschehen würde, wenn in der matrilinearen Tradition keine Frau als Nachfolgerin eines Klans zur Verfügung stünde. Könnte nicht ein in diese Tradition hineingewachsener Mann diese Aufgabe genauso übernehmen wie eine Frau? Liegt die Lösung unserer globalen Probleme nicht außerhalb gendergestützter Systeme, also jenseits von Patriarchat oder Matriarchat?

Es tauchte auch die Frage auf, wo das Böse zu verorten wäre, wenn es in Gesellschaften wie der der Mosuo verschwindet? Entsteht es erst als Folge einer mangelnden emotionalen Geborgenheit in der ersten, so prägenden Lebensphase? Der Film legt diese Vermutung nahe.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Mosuo Gemeinschaft und die Umwelt umsorgen und Macht aufbauend einsetzen. Genau das können wir von den Mosuo lernen. Es ist möglich ein Leben der Sorge füreinander zu führen, es ist möglich, ohne Gewalt, Neid und Gier zu leben und Macht für das Wohl aller auszuüben. Ist es utopisch, wenn wir es für möglich halten, diese Prinzipien mit unserer modernen Lebensform in Einklang zu bringen? Es wurde in der Debatte auch die Idee formuliert, dass es eine lohnendes Ziel wäre, allen Geschlechtern alle Entwicklungschancen begabungsabhängig einzuräumen. Zuallererst wäre in diesem Zusammenhang tatsächlich zu überprüfen, wie wir unsere Kinder behandeln. Vor allem diesbezüglich können wir viel von den Mosuo lernen.

12.1.2018

Kirsten

 

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