Unsere Mahnwache für Syrien

Mahnwache "Frieden in Syrien JETZT!" am 11.11.2016

Mahnwache „Frieden in Syrien JETZT!“ am 11.11.2016

Ein älteres Paar läuft an uns vorbei. Es liest beim Laufen unsere Schilder, verzieht keine Miene. Dann bleibt das Paar stehen und die Frau kommt zurück. Sie hält mich am Arm fest und flüstert: „Danke, dass ihr das macht…“. Was machen wir da eigentlich? Wir stehen bei Minustemperaturen dick eingemummt am Pariser Platz, umgeben von Kartons, Transparenten, Flyern, Lautsprecheranlage und einer in die Jahre gekommenen Pace-Fahne. Manche von uns hüpfen vor Kälte, andere wärmen sich auf mit Tee und syrischen Datteln. Wir halten Ausschau nach Menschen, denen wir etwas über die Zivilgesellschaft in Syrien erzählen können. Darüber, dass es sie immer noch gibt – das friedliche Aufstehen und Demonstrieren gegen die Diktatur Assads in einem Land, das seit Jahren im Krieg versinkt. Die Medien erzählen überwiegend eine monotone Geschichte von Zerstörung, Machtkämpfen und Chaos. Bei uns, den Beobachtenden aus der Ferne, befördert das eine fatalistische Sicht auf den Konflikt: “Man kann sowieso nichts machen. Es gibt niemanden dort, den man unterstützen könnte…“. Damit wollten wir uns nicht mehr zufrieden geben. Wir haben uns informiert. Schwarze Zone, rote Zone, gelbe Zone, grüne Zone. Die grüne ist ein Hoffnungsschimmer. Dort sind weder Assad-Truppen noch die IS. Dort gibt es zivile Initiativen, die für den Frieden kämpfen, für einen Neuanfang.

Mohamad ist so ein Hoffnungsträger. Wir treffen ihn bei der Vorbereitung unserer Mahnwache. Er ist seit 2013 in Deutschland und unterstützt von Berlin aus neun Initiativen in der gelben (kurdischen) Zone durch die Organisation “Adopt a Revolution“. Unaufgeregt und mit großer Eloquenz erzählt er uns von den Anfängen der Oppositionsbewegung in Syrien. Davon, wie die große Aufbruchsstimmung bald auf die massive gewaltsame Repression durch die syrische Regierung traf. Wie große Teile der Wehrpflichtigenarmee desertierten, weil sie nicht auf die eigenen Landsleute schießen wollten. Wie die Lage schnell unübersichtlich wurde, da sich Hunderte von Splittergruppen bewaffneten, in der vorgeblichen oder tatsächlichen Absicht, die lokalen Zivilbevölkerungen vor Assads Truppen und Geheimdiensten zu schützen. Darüber, dass es bis 2013 noch Versuche gab, friedliche Proteste öffentlich zu organisieren und landesweite Initiativen gegen das Assad-Regime durchzuführen. Jetzt geht das nicht mehr, sagt Mohamad. Wir möchten von ihm erfahren, wie wir helfen können. Ob eine Mahnwache überhaupt etwas bringt, fragen wir uns. Wer geht denn heutzutage überhaupt noch auf die Straße? Proteste werden  zunehmend durch Klicks bei Campact und Betterplace ausgetragen. Mohamad befürwortet unsere  Idee einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor. Menschen müssten über das andere Syrien erfahren und auf alternative Informationsquellen aufmerksam gemacht werden, ob online oder offline.

Also sind wir offline. Das bedeutet Stifte besorgen, Forderungen formulieren, Mahnwache beim Landeskriminalamt anmelden. Manche von uns sind schon seit Jahrzehnten politisch aktiv, sei  es in der Friedens-, Antiatomkraft- oder  Genderbewegung. Sie haben ihr politisches Bewusstsein in ihrer Jugend in Auseinandersetzung mit ihrer Eltern-Generation entwickelt.  Ich mit meinen 31 Jahren war einmal auf einem Frauenrechtsumzug und einmal auf einer Antifa-Demo, letzteres mehr zufällig als absichtlich. Aber wir raffen uns zusammen und lernen voneinander. Auch am Pariser Platz begegnen uns ganz unterschiedliche Menschen. Viele zeigen Solidarität, bleiben stehen. Sie fragen, welche konkreten Initiativen wir nennen können und wir verweisen auf die Webseite von “Adopt a Revolution“ (www.adoptrevolution.org). Dort sind Schul- und Bildungsprojekte aufgelistet, für die man spenden kann. Ein Paradebeispiel ist die Stadt Atarib, wo sich die lokale Miliz dem zivilen Bürgerrat unterordnet.

Nach 3 Stunden haben wir Dutzende Flyer verteilt und konnten vor allem unser Englisch üben. Fast nur Touristen am Brandenburger Tor – beim nächsten Mal werden wir ein paar englische Übersetzungen mitnehmen. Wir sind insgesamt zufrieden mit dem Verlauf der Mahnwache. So wie man das sein kann, wenn man weiß, dass man eigentlich machtlos ist. Eins hat uns die Aktion allerdings gegeben – die Zuversicht, dass es viele Gleichgesinnte gibt, die Hoffnung verspüren und sich für die Beendigung des Krieges einsetzen wollen. Nach dem Motto: steter Tropfen höhlt den Stein. Denn vor dem Fernseher über die auseinanderfallende Welt zu wehklagen ist nicht genug.

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